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Frankfurt, und ich waren vor einigen Jahren liebe Kolleginnen. Wir bestritten gemeinsam die Redaktion einer monatlich erscheinenden Mieterzeitschrift. Eva ist viel gereist, sehr belesen und eine Vollblut-Journalistin, deren Geschichten ich immer wieder sehr gerne lese. Sie hat einen herrlichen Humor und eine sehr praktische Sichtweise der Dinge, die der meinen sehr ähnlich ist.
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Eigentlich spricht man ja nicht darüber - und doch ist für alle Reisende immer wieder ein wichtiges Thema: Nicht nur wo in Rom die beste Pizza zu haben ist, auch wo man sie wieder los wird, also, die Toiletten dieser Welt. Dieser Blechverschlag damals in Indien, auf dem Dach eines Hauses in Amritsar, mit durchlochtem Stein, einer Kuhle darunter und einer Ablaufrinne. Dann war da eine Frau, die mit Schale und Besen einmal am Tag kam, die festeren Hinterlassenschaften abzuholen. Unmöglich! Unmöglich auch für mich nach Einbruch der Dunkelheit noch dorthin zu gelangen, ich bin leider keine vielarmige indische Göttin. Denn viele Hände brauchte man: Eine zum Halten der Kerze, die man braucht, um etwas sehen zu können, eine zweite zum Abschirmen der Kerze gegen Windstöße, eine weitere zum Raffen des langen Rockes auf der Leiter zum Dach, eine um sich an eben dieser Leiter festzuhalten und eine für die obligate Konservendose mit Wasser - tja! Vielleicht sollte ich auch nur einmal genug Geld haben, z.B. für das Waldorf Astoria in New York ( hier kenne ich nur die Toiletten), das Polana in Maputo oder irgendwann mal das Raffles in Singapur. Es ginge mir aber viel Erlebniswert verloren, z.B. damals in Wien ... Ein unaufschiebbares Bedürfnis - vielleicht zuviel Kaffee im Caféhaus - aber ich befand mich im unteren Belvedere, eine großzügige Gartenanlage gehört zu diesem Schloss, viel großzügiger, als mir das im Moment lieb war. Ich steuerte die erste erreichbare Tür an, das Barockmuseum und fragte am kombinierten Verkaufs-, Kassen- und Gaderobenstand nach dem Wo. „Ja, da können s’ hier wieder raus auf die Straße gehen, dort drüben ist ein Café, dann können s’ durch den Park hoch zum oberen Belvedere gehen, das ist aber weit und die dritte Möglichkeit ist hier bei uns im Goldenen Saal.“ „Bitte, wo?“ „Im Goldenen Saal, Sie müssen aber dem Kollegen von der Aufsicht Bescheid sagen, daß er Ihnen die Absperrung entfernt.“ Goldener Saal, das klang beeindruckend! Ausgerüstet mit einer Wegbeschreibung stürmte ich durch eine Flucht üppig ausgestatteter Barocksäle. Der Goldene Saal war als solcher sofort zu erkennen. Bei den ersten Schritten dort hinein kam mir schon eine Aufsicht lächelnd entgegen und wußte mein Begehr richtig einzuordnen. „Mit den Jahren entwickelt man einen Blick dafür“, meinte der erfahrene Kustode und löste die Absperrkordel. „Dort links die Tür in der Täfelung“, ich suchte und sah – nichts! „Links, ja weiter noch, weiter ...“ Eingelassen in die Täfelung und golden übermalt befand sich dort eine kleine Tür mit enenso goldenem Griff. Hatte man sie erst einmal bemerkt, war sie eigentlich gar nicht zu übersehen. Dahinter befand sich ein kleines Kabinett mit eleganter Stuckdecke. Das war sicherlich die schönste Toilettentür meines Lebens, original Barock!! Den schönsten „Klospruch“ fand ich in einem kleinen Lokal in Greenwich Village in New York. In vielen Restaurants und Kneipen hing ein kleines Schild mit folgender Aussage: "Employees must wash hands!" Müßig ist es, sich darüber Gedanken zu machen, warum es tatsächlich nötig ist, das Personal auf die Pflicht zum Händewaschen aufmerksam zu machen, zumal mit dem kategorischen Imperativ. Herrlich ist aber das gewollte Mißverstehen und der Kommentar eines Gastes dazu: "I waited half an hour, no employee came, so I washed my hands myself." Das Leben ist halt hart und ungerecht. Aber ab und an gibt es auch Bonbons. In einem kleinen am Berghang geklebten Dorf in Himachal Pradesh in Indien war der Weg zu „meinem“ Platz neben einem Zitronenbaum mit Hindernissen gepflastert, eines davon hatte Hörner. Eine dort angepflockte Kuh machte sich einen Spaß daraus, nach mir zu stoßen, wann immer ich nah an ihr vorbei kam. Eines späten Abends hockte ich, genervt von all den Schwierigkeiten, unter meinem Baum und schaute vor mich hin - genau in zwei glühende Augenpunkte. Mein erster - und einziger - wilder Mungo, auf Armeslänge entfernt! Das können die teurersten Luxushotels nicht bieten!Eva Massingue
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Niemand, der sich irgendwie mit Kinderbüchern beschäftigt, kann an den vielen, vielen guten Ratschlägen und Hinweisen zur Leseförderung vorbeigehen. Nicht erst seit PISA, aber seither vermehrt, hat man das Gefühl, in guten Ratschlägen gleichwohl zu waten. Ist er vielleicht doch typisch deutsch, der Glaube, dass es für alles einen richtigen Weg gibt und wenn man sich nur an die Anweisungen der Experten hält wird alles gut? Schon in die sechsmonatigen Patschhändchen soll man die ersten Bücher legen, damit „eine Gewohnheit ausgebildet wird“. Selbst den Fernseher ausschalten und lesen soll man, denn „das kleine Kind lernt in erster Linie durch die Anschauung“. Was Mama und Papa machen, ist Vorbild (nicht mehr lang!). Und natürlich muss man vorlesen! Vorlesen ist ganz wichtig! Vorlesen muss zu den abendlichen Ritualen gehören und darf auf keinen Fall unterbleiben. Elterliche Müdigkeit hat da kein Gewicht. Meine sechsmonatige Tochter hatte das erste Buch in den Händen. Nach anfänglichem herumkauen hatte sie schnell heraus, was man mit Büchern machen kann: Einzelne Blätter herausreißen berauschte sie durch das wunderbare Klangerlebnis – raaaaatsch und aufgehäuft ergab sich noch ein weiterer Pluspunkt. So viele Blätter, da hatte sie so richtig was geschafft. Das Kind war vollauf zufrieden mit seinem ersten Buch. Hoffentlich hat sich da nur keine Gewohnheit herausgebildet. Später gab es die üblichen Da Da Das, wenn der Pinguin oder Eimer und Schaufel erkannt worden. Weiter ging’s mit activity, Türchen öffnen, Klappen aufklappen, ziehen, drehen ... Und dann natürlich vorlesen! Bilderbücher, Pixibücher zuhauf, später dann ganze Romane in abendlichen Häppchen: Die Konferenz der Tiere von Erich Kästner, Igraine Ohnefurcht und der Herr der Diebe von Cornelia Funcke, Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt von Hermann Schulz und natürlich Harry Potter ... Keine Gnade kannte mein Kind, ich erklomm das Hochbett, meterhoch über der Erde las ich vor, auch als sie längst schon selbst lesen konnte – da hatte sich eine Gewohnheit ausgebildet. Man soll nämlich nicht mit vorlesen aufhören – dies ist einer der vielen weisen Ratschläge – wenn das Kind selbst lesen kann, jedenfalls nicht sofort. Man darf aber an einer spannenden Stelle aufhören und das Buch dann liegen lassen, so dass das neugierige Kind selbst weiter liest. Bei uns hat das alles nicht geklappt. Bücher lesen ist so anstrengend und kostet so viel Zeit, sagt sie – es ist, mit einem Wort, öde! Zuerst dachte ich wie jede frustrierte Mutter an die bösen anderen Medien, die mein Kind von der wichtigsten aller Kulturtechniken abhielten: Fernsehen, Video bzw. DVD und natürlich der Computer. Zugucken muss man schließlich nicht erst lernen, so wie lesen. Als ich klein war, da gab es ARD und ZDF und später die dritten Programme und die Kinderstunde war, wie das Wort schon sagt, eine Stunde lang. Von anderen Dingen ganz zu schweigen. Mittlerweile glaube ich, dass dies so simpel nicht stimmt. Auch ich, die ich so früh und so intensiv las wie kaum sonst jemanden, den ich kenne, auch ich hätte doch durchaus noch andere Möglichkeiten gehabt, meine Zeit zu verbringen. Und fallweise habe ich das ja auch getan. In erster Linie aber habe ich gelesen. Warum? Bei mir war es Flucht! In meinem Leben gab es einiges, was nicht so lief, wie es sollte. Durch das Lesen konnte ich diese Welt verlassen und in anderen Welten leben, in denen alles ganz anders war. Monika Osberghaus, verantwortliche Redakteurin der Kinder- und Jugendbuchseiten der FAZ, schrieb einmal, dass es doch vielleicht gar nicht schlimm sei, wenn Kinder keine Leseratten seien, wenn sie den „Verschwindetrick“ nicht bräuchten, da es ihnen rundherum gut gehe. Und bieten wir „bemühten“ Eltern nicht auch genug – oder zu viel – anderes an? Kindertheater, Ausflüge, Zoo, Kino, Tanzstunde, Flötenunterricht? Und dann gibt es noch je nach Alter Diddle, Nici und Schminken mit der Freundin. Vielleicht ist wirklich die Hauptsache, dass die Kids lesen können und um den Verschwindetrick wissen und wenn sie ihn dann brauchen, dann taucht Bücher lesen womöglich plötzlich aus der Versenkung auf. Vielleicht sollten manche Eltern, ich eingeschlossen, ab und an einfach mehr Vertrauen in die Kinder haben (und nicht nur in die Experten). Eva Massingue
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Das Schicksal der Ziege nimmt seinen Lauf - und der Zustand Evas auch...
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Im Mai 1995 flogen wir das erste Mal nach Moçambique: mein Mann unsere Tochter, damals zehn Monate alt und ich. Für mich war es das erste Mal, daß ich in ein Land reiste, über das ich vorher nicht mindestens zehn Bücher gelesen und soviel als möglich Wissen über Land und Leute, Geschichte und Kultur angesammelt hatte. Das lag nicht nur an unserer Tochter, die einer lesenden Mutter nur sehr wenig Verständnis entgegen brachte, sondern auch an der Tatsache, dass Moçambique in der ehemaligen Bundesrepublik noch mehr terra incognita war als sonst schon afrikanische Länder.
Dazu kam, dass ich kein Portugiesisch sprach - das erschwerte die ganze Sache zusätzlich. Es würde in Moçambique für mich das erste Mal sein, daß ich mich ohne Hilfe absolut nicht verständigen könnte. Da musste doch einiges schiefgehen und ein Kulturschock schien geradezu auf mich zu warten. Vorsichtig machte ich meinen Mann schon mal mit dem Gedanken vertraut, daß ich mal ausflippen könnte. Aber vorerst war ich ja noch ungemein guten Willens.
Die Anfangszeit ging trotz allem noch ganz gut. Mein Mann war von morgens bis abends unterwegs, ich blieb mit Tochter bei den anderen Frauen und Kindern und litt unter meiner Sprachlosigkeit. Matsua verstand ich noch weniger als Portugiesisch. Abends überfiel ich dann den heimkehrenden Mann mit meinem Redebedürfnis, mit allen un- und halbverstandenen Geschichten des Tages und allem, was ich gesehen, erlebt und gedacht hatte. Er hielt sich tapfer und schlief nur manchmal mitten in meiner Erzählung ein.
Das erste große Missverständnis stand gewissermaßen vor der Tür. Eines morgens gab es kein Wasser. Ich machte mir darüber keine Gedanken (ich hatte ja auch schon geduscht) und meinte: dann wartet man eben. Plötzlich wurde mir bedeutet, mein Kind zu schnappen und mitzukommen. Ungeklärte, da unausgesprochene Frage: wohin? Ist es weit, d.h. sollte ich andere Schuhe anziehen und nicht die neuen Plastiksandalen anlassen? Was soll das Ganze überhaupt? Wir gingen ziemlich weit, meine Füße in den neuen Plastiksandalen schmückten sich mit blutigen Blasen, und plötzlich verschwand die Frau, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, die sich aber erboten hatte mein Kind zu tragen, mit der Kleinen auf dem Arm irgendwo in dem Hütten- und Hofgewirr. Es gibt ja noch die nonverbale Kommunikation, wenn man überhaupt nichts sagen kann: ich brach in Tränen aus. Unter der fröhlichen Anteilnahme aller schluchzte ich vor mich hin. Frau und Kind tauchten wieder auf, Wasser wurde in aufgesammelte Eimer und Kanister gefüllt und auf den Kopf geladen - aha, deshalb sind wir hierher gekommen, hier gab es einen Brunnen - und wir zogen nach Hause. Trotz schmerzender Füße gab ich mein Kind nicht mehr aus der Hand bzw. vom Arm. Abends gab es dann die große, jedem alles erklärende Diskussion.
Nachdem ich mich immer besser akklimatisiert hatte, stand der nächste Härtetest bevor. Wir wollten die Eltern im Dorf besuchen: 750 km Busfahrt mit Mann und Kind und Schwägerin, mit einem Sack Zucker, einem Fahrrad, einem Zinkeimer, Tee, Bier, Wein, Kerzen, Taschenlampe, Radio und sonstigen Geschenken. Der Auszug der Kinder Israel aus Ägyptenland muß dagegen ein Spaziergang mit Handgepäck gewesen sein.
Nach 16 Jahren Krieg war der Satz meines Mannes: “Wir müssen alles mitnehmen, die haben nichts“ wörtlich zu verstehen. Aber genug zu essen gab es und genug Alkohol (Palmwein) und mehr als genug Freundlichkeit und Entgegenkommen. Ich fühlte mich trotz mancher Schwierigkeiten ausgesprochen wohl – bis das mit der Ziege geschah.
Eines Tages soll ich mich beeilen und kommen, es gäbe etwas Besonderes, auch die Kamera soll ich mitbringen. O.k., ich eile. Schwiegervater, Onkel und Mann stehen bei einem kleinen schwarzen Ziegenbock, ein paar Leute stehen noch drumherum, alles wartet auf mich. Ich soll ein Bild machen: Onkel mit Ziege, Onkel und Vater mit Ziege, Mann mit Ziege. Mein Mann erklärt: Die Ziege ist ein Geschenk speziell für mich, vom Onkel, und als ganz besondere Ehre und damit das Fleisch auch genauso ist, wie ich es gerne mag, darf ich sie auch ganz alleine schlachten!! Ich habe nicht einmal die Ameisen zerquetscht oder die schwarzen Tausendfüßler auch nur beschädigt, die hier überall herumlaufen. Und ich soll töten? Dabei habe ich schon immer ein schlechtes Gewissen, dass ich gerne Fleisch esse, aber Gott sei Dank ist das Fleisch in Deutschland schön in Stücke, Scheiben oder Würfel geschnitten, wenn man es kauft und nichts erinnert mehr an das Tier, das es einmal war. Diese Fleisch hier war warm, lebendig, hatte Augen und eine Stimme und war angenehm anzufassen und zu streicheln. Ich war vom Donner gerührt. Mein Mann wollte mich retten. Wortreiche Erklärungen in Matsua, er nimmt das Messer und mit den Worten: „Ich mache das“ packt er die kleine Ziege bei den Hörnern. Das war das Signal! Im Nachhinein weiß ich gar nicht mehr, was da alles in mir hochkam und warum ich so reagierte. Aller Frust der letzten fünf Wochen über meine Sprachlosigkeit in diesem Land, über das Gefühl, von meinem Mann nur noch unter ferner liefen bemerkt zu werden, er hatte plötzlich auch kaum noch Zeit für seine Tochter, die bei anderen auch glücklich war - das passte mir nicht - oder schrie und dauernd auf meinen Arm wollte - das passte mir auch nicht. Zum Lesen fand ich keine Zeit und Ruhe, unterhalten konnte ich mich so gut wie nie, alles war hier anders als ich es kannte, den Kampf gegen den allgegenwärtigen roten Staub konnte ich nie gewinnen (im Bett, in der Wäsche, zwischen den Zähnen) und mangels gewohnt perfekter Windeln lief das Kind aus. Alles war mir zuviel! Und jetzt das auch noch: Der Vater meines Kindes ein Mörder! Ein Ziegenmörder! Lachend hielt er das Messer an den Hals einer, leider auch noch sehr niedlichen, Ziege. Fazit: der Damm brach und ich heulte, als stünde das Ende der Welt bevor. Nichts und niemand konnte mich beruhigen, ich lief in den Busch, setzte mich auf einen umgestürzten Baum und heulte und heulte. Meine Schwägerin kam und tröstete mich - nonverbal. Mein Mann kam und tröstete mich, äußerte aber auch leichte Zweifel an meinem Geisteszustand – nichts half. Gänzlich erschöpft hörte ich irgendwann von alleine auf und alle schworen mir, mir nie, nie wieder Ziegen zu schenken. Plötzlich ging es mir blendend, aller Ärger, berechtigter und unberechtigter, war verflogen. Da war wieder der Mann, den ich liebte und nicht mehr ein finster sadistischer Mörder und auch die Tatsache, daß die ausgeweidete Ziege am Baum hing und sämtliche verfügbaren Ameisen hektisch darüberhin liefen, machte mir plötzlich nichts mehr aus. Eine Ziege habe ich jedoch seither nie wieder geschenkt bekommen, nicht mal ein Huhn.
Eva Massingue
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www.massingue.de Massingue@t-online.de
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Jo Hewel, Gabriele Klempert,
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