DAS RECHT AUF GLÜCK
Das Recht auf Glück

Sie hätte Johannes erst gar nicht heiraten dürfen, da geht’s schon mal los. Sie sind grundverschieden. Er ist ein Pedant, ein Ordnungsfanatiker, negativ, zweifelnd, ein Pessimist. Sie lässt 5 auch mal grade sein und ist grundsätzlich positiv. Ihre Mutter (die 4 Wochen nach ihrer Hochzeit gestorben ist) hatte ihr noch dringend abgeraten. „Er tut dir nicht gut“, sagte sie. Natürlich sollte sie Recht behalten. Wie sie immer in allen Voraussagen Recht behalten hat.

Irgendwie grassierte damals das Heiratsfieber, alles um sie herum heiratete, sie war 28 Jahre und 1 ½ Jahre mit Johannes zusammen. Und wahrscheinlich war es so, dass sie jetzt einfach auch verheiratet sein wollte, vor allem aber wollte sie Kinder, das war ihr ganz wichtig. Und sie hat sicherlich ganz fest geglaubt, dass sie ihn ganz doll liebt. Vielleicht liebte sie ihn auch zu diesem Zeitpunkt. Sie weiß es heute einfach nicht mehr. Später liebte sie ihn tatsächlich sehr. Trotz allem, was geschehen sollte. Aber das Thema Kind war ein ganz starker Motivator zu dieser Anfangszeit. Kurz vor der Beziehung zu Johannes hatte sie eine Abtreibung, die sie eigentlich nie richtig verwunden hatte. Sie nahm an, dass auch deshalb der Kinderwunsch so groß war. Und damals ging ihre Beziehung eigentlich auch noch. Sie arbeiteten beide vollzeit, gingen abends fast immer weg. Sie war Veranstaltungs-Kauffrau und musste regelmäßig auf Messen. Sie war also vor allem an den Wochenenden viel unterwegs in anderen Städten, meistens über Nacht. Und da fing es schon an. Er rief ständig in den Hotels an (Handys gab es noch nicht) und überwachte sie regelrecht. Als das Hotel einmal einen Anruf von ihm in ein falsches Zimmer durchstellte und ein Mann ran ging (es war ein alter, sehr dicker, aber sehr lustiger Kollege), witterte er einen Betrug und sie konnte ihm nicht begreiflich machen, dass es ein Fehler des Hotels war. Alle Kollegen, die das mitbekamen, lachten sich kaputt. Damit wurde sie noch jahrelang aufgezogen. Das war wieder nur eine von Hundert Geschichten dieser Art.

Sie wollten also Kinder. Sie hatte aber ziemlich große gynäkologische Probleme. Schon vor ihrer ersten, ungewollten Schwangerschaft wurde ihr von den Ärzten gesagt, dass sie ohne OP gar keine Kinder bekommen kann. Tja, das war eine Fehleinschätzung, wie sich dann herausstellte. Im Zuge der Abtreibung sagte ihr dann der Arzt, dass sie offenbar doch schwanger werden, aber wohl nie ein Kind austragen könne. Also – die Voraussetzungen waren alle nicht sehr günstig.

Johannes wollte dann unbedingt auch ein Kind, und als es dann nicht gleich klappte, sagte er zu ihr „Du kriegst ja nichts zustande“. Sehr nett. Ein halbes Jahr nach dem Absetzten der Pille war Felix unterwegs. Das hat nun wirklich nicht sehr lange gedauert. Aber bald stellten sich Blutungen ein und sie musste ins Krankenhaus. Sie wird diesen Tag nie vergessen, ein Samstag, als die Blutungen einsetzten. Denn sie musste alleine, blutend, mit einer dicken Binde zwischen den Beinen und einer Scheiß-Angst mit dem Auto ins Krankenhaus fahren, weil er lieber noch weiter schlafen wollte. Die ganze Fahrt über hat sie nur geheult, sie war panisch vor Angst, das Baby zu verlieren (17. Woche), aber sie sprach mit ihrem Baby im Bauch sehr intensiv („Du bleibst genau dort, wo du bist!“) und war ganz sicher, dass Mutter und Kind das schaffen werden.

Johannes besuchte sie täglich, aber auch dort haben sie sich ziemlich oft gestritten, auch am Telefon, sie wusste gar nicht mehr, worüber.

Als Felix dann endlich – gesund – da war, veränderte sich natürlich das Leben. Sie war nur noch Hausfrau und Mutter, blieb zu Hause, er verdiente das Geld, also die klassische Rollenverteilung. Und das war der Anfang vom Ende. Sie stritten sich nun fast täglich. Oft ging es ums Geld. Er warf ihr ständig vor, zu viel auszugeben. Wenn sie sich mal was zum Anziehen kaufte, war es natürlich immer ein „Sonderangebot“ (das sagte sie jedenfalls), manchmal versteckte sie die Sachen auch zunächst, um sich nicht wieder Vorwürfe anhören zu müssen. Wenn sie mal einen Strauß Blumen kaufte, sagte er „Diese 5 Mark sind wirklich überflüssig“. Sie bekam Haushaltsgeld zugeteilt und hatte keinen Zugriff auf sein Konto, weil sie ja nicht mit Geld umgehen könne. Sie musste ihm morgens Frühstücksbrote machen und abends kochen. Und wehe nicht, dann war was los. Denn das war doch das mindeste, was man von ihr verlangen könne, wo sie doch den ganzen Tag schon nichts zu tun hätte.

Sie wusste wirklich nicht mehr, was er ihr im Laufe der Zeit so alles an den Kopf schmiss, was er ihr alles vorwarf, aber es war täglich irgendwas. Eines Abends hatten sie wieder mal Krach, sie war schon im Nachthemd, und er setzte sie kurzerhand vor die Wohnungstür. Da saß sie nun. Sie wohnten damals in einem Mietshaus, es hätte jederzeit jemand vorbeikommen können und sie saß da, im kurzen Hemd.

Natürlich hat sie sich nicht alles klaglos gefallen lassen. Wenn er sie anschrie, schrie sie zurück, bald schrieen sie nur noch. Und irgendwann hat er ihr eine geknallt. Eine Welt ging für sie unter und sie glaubte, er war selbst erschrocken über sein Tun, zumindest entschuldigte er sich. Spätestens, als es dann zum zweiten Mal passierte, hätte sie gehen müssen. Aber sie blieb, sie kann nicht auf Anhieb erklären warum. Es passierte immer wieder mal, nicht täglich oder so, aber oft genug. Manchmal forderte sie es auch heraus, um zu sehen, ob er es wirklich tut. Sie sagte dann so was wie „Na, willst du wieder zuschlagen, dann mach doch!“ und hielt ihm ihre Wange hin. Er ließ sich nicht zwei Mal bitten.

Im Bett passierte nicht mehr viel. Sex war für ihn sehr wichtig, wie wahrscheinlich für alle Männer. Aber wenn sie Krach hatten (und den hatten sie ja fast immer), dann wollte und konnte sie nicht und dies führte dann wieder zum nächsten Krach, ein Teufelskreis. Es war eine ganz furchtbare Zeit, für ihn wohl auch. Sie hat eigentlich nur geheult in diesen Jahren.

Sie war schon lange kein freier, selbst bestimmter Mensch mehr. Okay, in jeder Partnerschaft muss man Kompromisse eingehen. Aber das waren keine Kompromisse mehr, das war eine geforderte Selbstaufgabe, die sie nicht erfüllen wollte, konnte. Sie wehrte sich natürlich. Sie war aber stets unterlegen, fühlte sich absolut machtlos. Er war scheinbar stärker. Er bestimmte die Einrichtung der Wohnung, die Farben, das Urlaubsziel. Er verdiente das Geld, sie nichts mehr, denn sie machte ja eine Babypause (nur 1 Jahr lang).

Nach einer Zeit schlug sie ihm vor, eine Ehetherapie zu machen, andernfalls würde sie gehen. Er wollte zunächst nicht, denn mit ihm sei ja alles in Ordnung, es würde ja alles nur an ihr liegen. Aber sie bestand drauf. So absolvierten sie ihre erste Sitzung, die fast nur mit irgendwelchen Formalien vorüberging. Kurz vor der zweiten Sitzung stritten sie wieder mal ums Geld. Er hatte ihre Kontoauszüge kontrolliert und festgestellt, dass sie mit 200 DM im Minus war. Ein Riesen-Szenario, die Fetzten flogen. Sie sind dann an diesem Tag nicht zur Therapie gegangen. Nie mehr (zumindest in dieser Phase).

Jeden Abend, wenn sein Schlüssel in der Tür ging, erschrak sie und schaute sich hektisch um, ob auch alles aufgeräumt war. Sie fragte mich, was wohl nun gleich kommen würde, denn es kam immer irgendwas. Gleichzeitig war ihr bewusst, wie demütigend das für sie ist und dass sie das nicht auf Dauer aushalten kann. Aber sie konnte nirgendwo hin, einfach mal so Unterschlupf finden. Sie wollte sich auch keine Blöße geben, denn sie schämte mich für das, was ihr passierte und das sie selbst zuließ.

Dann fing eine Zeit an, in der sie regelrecht erkaltet ist. Er konnte schreien, toben, keifen – sie blieb ruhig und kalt. Das machte ihn regelrecht fassungslos. Aufgrund des Todes ihrer Mutter hatte sie ein wenig Geld geerbt, dass sie auf ihrer beider Namen angelegt hatten. Sie löste das Konto auf (schließlich war es ja ihre Erbschaft), und sagte ihm, dass sie mit Felix ausziehen werde. Sie fand eine wunderbare Zweizimmerwohnung mit Garten und Kamin zwei Straßen weiter und zog aus. Basta. Damit hätte eigentlich alles beendet sein müssen. Aber es sollte anders kommen.

Sie richtete sich also ihre Wohnung ein. Sie empfand es als absolut befreiend, SELBST Möbel auszusuchen, SELBST die Farben zu bestimmen, sich ungestraft Blumen kaufen zu können. Zuvor war alles, aber auch alles reglementiert. Und zuvor war auch alles nach seinem Geschmack eingerichtet, nämlich schwarz. Alles schwarz. In ihrer neuen Wohnung gab es nur Farben, warme Farben. Sie lebte auf.

Sie kann es sich einfach nicht richtig erklären, aber sechs Wochen später waren sie wieder zusammen. Denn trotz allem hatte sie ihn sehr geliebt – oder bildete sich das jedenfalls ein. Und jetzt, wo sie wieder ihre „Freiheit“ hatte und ihr eigenes Reich, hatte sie ihn wieder an sich herangelassen. Vielleicht war die Sehnsucht nach einer richtigen Familie mit Vater, Mutter, Kind einfach zu groß (sie hatte das ja selbst nie), vielleicht glaubte sie seinen Versprechungen – sie weiß es einfach nicht (mehr?), warum sie das alles wieder von vorne anfing.

Er war inzwischen aus der großen Wohnung in eine kleine gezogen, ganz in ihrer Nähe, sie konnten sich in ihren jeweiligen Gärten sehen. So ging das zwei Jahre, denn so lange liefen ihre jeweiligen Mietverträge. In dieser Zeit ist wieder etwas Unglaubliches passiert: Obwohl ihre Beziehung schnell wieder die alte war – also grottenschlecht – wünschte sie sich ein zweites Kind. Sie wollte immer 2 Kinder haben, das ist das eine. Vielleicht lag es aber auch an ihrem Job. Inzwischen arbeitete sie halbtags in ihrer alten Firma, aber in einem ganz anderen Ressort und sie fühlte sich dort überhaupt nicht wohl. Wie auch immer – ihr erneuter Kinderwunsch war nicht mehr wegzudrängen - er hielt davon gar nichts.

Im Sommer fuhr sie mit zwei Freundinnen nach Ibiza. Das war ein Riesenkampf, das durchzusetzen, denn er wollte sie nicht alleine fahren lassen. Aber sie setzte sich tatsächlich mal durch. Er nahm sich in dieser Zeit sogar Urlaub, um auf Felix aufzupassen. Und es kam, wie es kommen musste. Sie lernte einen Mann kennen und begann eine Affäre. Völlig aussichtslos. Er, aus München, verheiratet, 2 Kinder, sie in Frankfurt. Aber sie trafen sich seit diesem Urlaub jedes Jahr für ein paar Tage wieder auf Ibiza. Und sie hatte nicht ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Sie sagte sich „Von 52 Scheiß-Wochen hast du eine schöne, das hab ich verdient“.

Ein paar Wochen nach diesem ersten Urlaub wurde sie wieder schwanger, ihre kleine Anne war unterwegs. Johannes wollte sie eigentlich nicht, sie war nur ihr Wunschkind (und sie dankt heute noch dem lieben Gott dafür!). Sie sollte im Februar zur Welt kommen und zu dieser Zeit liefen auch die beiden Mietverträge aus. Nach vielem Hin und Her entschlossen sie sich, wieder zusammenzuziehen. Und das, obwohl ihre Beziehung schon zu diesem Zeitpunkt wieder ein einziges Chaos war. Das haben sie beide gewusst. Ihr war nicht ganz wohl bei der Sache. Denn wie oft hatte sie ihn abends aus ihrer Wohnung geschmissen und dann aufgeatmet. Das wäre dann nicht mehr möglich. Aber sie hatte wieder so viel Hoffnung, dass es jetzt endlich klappt. Wie naiv kann ein erwachsener Mensch sein? Natürlich war dass wieder eine klare Fehlentscheidung.

Sie fanden ein Haus zur Miete im Taunus. Die Beziehung war furchtbar, Backpfeifen setzte es auch wieder dann und wann. Nichts, rein gar nichts hatte sich geändert. Sie waren beide tief unglücklich. Das einzige, was sie aufrecht erhielt waren ihre Ibiza-Besuche. Nur in Annes Geburtsjahr war sie nicht auf der Insel, sie war da ja noch ein kleines Baby. Sie schlief fast ausschließlich bei den Kindern in den ganzen Jahren.

Nach 3 Jahren wurden sie wegen Eigenbedarfs gekündigt, die Zinsen standen günstig und prompt fällten sie die nächste Fehlentscheidung: sie kauften ein Haus. Es musste kräftig umgebaut werden und was sie sich alleine in dieser Umbauphase gefetzt haben, war schon nicht mehr normal, wie nichts in all den Jahren zwischen ihnen normal war. Allein in dieser Phase hatte sie diesen Entschluss bitter bereut und ihm das auch gesagt. Jetzt war es zu spät. Sie hatten sich tief verschuldet.

Bald eskalierte alles. Sicherlich, sie hatte das Haus auch gewollt. Vor allem sie hatte es gewollt und auch ausgesucht. Aber er hatte ab jetzt nur noch das Haus im Kopf, es gab nichts anderes mehr. Es musste nur und ausschließlich daran gearbeitet werden, auch als sie schon längst darin wohnten. Er hatte kein einziges Hobby, keine Freunde. Es gab nichts mehr außer dem Haus. Wenn andere Menschen ihr ein schönes Wochenende wünschten, musste sie immer bitter lachen. Ja, das wird bestimmt wieder ein tolles Wochenende werden. Schuften, schuften, streiten, streiten. Nur einmal gemütlich Zeitunglesen war nicht drin. Dann beschimpfte er sie als Made im Speck, die sich auf seine Kosten amüsiere. Einer seiner Lieblingssprüche war: „Die einen schuften, die anderen amüsieren sich.“ Völlig klar, wer welche Rolle innehatte. Bekannte und die wenigen Freunde, die sie hatten, wollten schon lange nicht mehr zu ihnen kommen. Er hat sie alle vergrault mit seiner Rechthaberei. Auch ihr permanenter Streit vor allen anderen schreckte die meisten nach und nach ab.

Er meckerte nur an ihr herum. Sie sei zu dick, zu faul und überhaupt. Nicht einen Funken Bestätigung bekam sie von ihm. Sie sah wirklich nicht schlecht aussehe. Aber das erfuhr sie dann und wann von anderen, selbst von Frauen, nie von ihrem Mann. Er hatte rein gar nichts Positives für sie übrig, dagegen war die Negativliste ellenlang. Vielleicht empfand er anders – aber gesagt hat er ihr nie irgendetwas Nettes. Sie verkümmerte neben ihm. Sie wurde wütend, traurig, aufbrausend und resignierend. Sie konnte nie sie selbst sein, sondern durfte nur so sein, wie er sie haben wollte. Inzwischen hatte sie sich nach der zweiten Babypause selbständig gemacht. Aus eigener Kraft hatte sie einige Projekte auf die Beine gestellt, auf die sie eigentlich stolz sein konnte. Sie verdiente auch nicht schlecht, musste natürlich auch relativ viel arbeiten. Aber das war ja alles nichts. Im Vergleich zu ihm war ihr Job so was wie Hausfrauenbelustigung. Der einzige Mensch, der wirklich etwas leistete, war er und nur er. Ihre Leistung zählte nichts. Sie zählte nichts. Zwei Kinder, Haushalt, Selbständigkeit – das war alles überhaupt nichts. Wobei er ja noch das so empfand, dass sie zumindest den Haushalt auch noch schlecht mache. Also, das, was sie machte, ist sowieso eigentlich gar nicht ernst zu nehmen und wenn man es mal genau betrachtet, machte sie es auch noch schlecht.

Sie fühlte sich vollkommen respektlos behandelt. Über all die vielen Jahre. Sie war nichts wert. Alles, was sie machte, war nichts wert. Keinen Funken Respekt, nicht ein kleines Glimmen. Keine Anerkennung, kein Schätzen, kein rein gar nichts! Er weiß bis heute nicht, was sie eigentlich damit meint. Er wird es nie begreifen. Und das findet sie selbst im Nachhinein sehr schade. Denn sie hatten so viele Chancen.

Die Gewalt wurde unerträglich. Damit meinte sie gar nicht unbedingt die Schläge, die es aber auch gab, zunehmend. Es gab auch noch andere Formen der Gewalt. Er stellte sich in die Tür, damit sie nicht rauskam. Er schaltete einfach den Fernseher aus, weil er nicht wollte, dass sie vor der Glotze saß. Er machte ihr mitten im Programm den PC aus, weil er nicht wollte, dass sie am PC saß. Er erklärte das so, dass er ja nur mit ihr reden, sie sich ihm aber entziehen wolle. Wenn sie aber „redeten“, hörte sie nur und ausschließlich Vorwürfe. Das verstand er also – meistens in weinseliger Laune - unter „reden“. Sie konnte es tatsächlich schon lange nicht mehr ertragen und wollte es auch nicht mehr. Einmal nahm er alle Telefone mit ins Büro, damit sie nicht telefonieren konnte. Er nahm ihr den Hausschlüssel weg, so dass sie nicht Autofahren konnte und ja auch nicht mehr aus dem bzw. wieder ins Haus kam. Sie rächte sich mit lächerlichen Mitteln. So kochte sie für ihn nicht mehr. Soll er doch sehen, wo er was zu essen bekommt (daraufhin bewarf er sie einmal mit altem harten Brot, so dass sie eine offene Wunde davon trug). Sie redete kein Wort mehr mit ihm, über Tage und dergleichen hilfloses mehr.

Wenn er abends nach Hause kam, saß sie im Büro und schaute entweder TV oder saß am PC. Mit den Kindern gab er sich sowieso nur dann ein wenig ab, wenn er was getrunken hatte. Dann machte er mal für 10 Minuten Späßchen oder unterhielt sich mit ihnen. Ansonsten waren sie im nur lästig. Das schlimme aber war, dass vor allem ihr Sohn die ganzen lautstarken Kräche mitbekam. Wie oft wachte er davon auf und kam heulend zu ihr. Und sie dachte sich immer wieder: Was tust du diesen Kindern an? Was müssen sie alles ertragen? Welche Schädigungen fürs Leben haben sie schon erlitten? Und ich bin Schuld, weil ich die Kraft nicht aufbringe, mich zu trennen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie (aus gutem Grund weil leidvoller Erfahrung) den Schlüsselbund immer in ihrer Unterhose versteckt, wenn er nach Hause kam. Ihre Scheck- und Kreditkarten versteckt im Kleiderschrank von Anne. Das muss man sich mal vorstellen.

Ein Geräusch hat sie bis heute im Ohr. Das Büro war im ersten Stock. Johannes zog abends immer einen Trainingsanzug an, der beim Laufen knisterte. Und dann: Sie sitzt im Büro, er kommt die Treppe rauf, es knistert also, und sie weiß: gleich geht es wieder los. Was wird jetzt wieder passieren? Wenn sie am PC saß, speicherte sie immer schnell ihre Dateien, wenn sie ihn nur schon auf der Treppe hörte, denn sie wusste, gleich schaltet er wieder aus und dann sind ihre Daten verloren. Wenn sie irgendwo im Chat war, ist sie schnell raus und löschte den Verlauf. Mails verschickte sie über web.de, da kannte er ihr Passwort nicht und konnte sie nicht lesen. Dachte sie.

Das Maß war für sie voll, als sie wieder Mal im Büro vor dem Fernseher saß und der Bildschirm plötzlich grau wurde. Nix ging mehr. Hat er wieder die Sicherung rausgedreht, dachte sie, und ging nachschauen. Es war klar, Fernsehen war an diesem Abend vorbei, denn selbst wenn sie die Sicherungen wieder reindrehen würde, würde er sie wieder rausdrehen u.s.w. Da hatte sie keine Chance, das war oft erprobt worden. Aber die Sicherung war noch drin. Er hatte das Hauptkabel durchgeschnitten! Also das, was von der Straße ins Haus führt, fürs Kabelfernsehen. So, jetzt war Ende.

Die Beziehung zu dem Münchner war inzwischen etwas enger geworden, obwohl sie sich nur im Urlaub gesehen hatten. Er war mittlerweile auch in Scheidung und sie hatte die fixe Idee nach München zu gehen und dort ganz neu anzufangen. Sie telefonierten täglich, schickten sich Mails und SMS. Sie wollte aber nur nach München, wenn sie dort auch einen Job habe, der sie und die Kinder finanzieren würde. Und so bewarb sie sich wie ein Teufel, derweil Johannes und sie getrennt in einem Haus lebten. Offiziell wusste er von „ihrem“ Münchner nichts, wenngleich er natürlich was ahnte. Und in nachhinein stellte es sich heraus, dass er zu diesem Zeitpunkt ein Überwachungsprogramm installiert hatte, dass alles registrierte, was über die Tastatur geschrieben wurde. Natürlich dann auch alle Passwörter. Er konnte so also alles mitverfolgen, alles nachlesen. Und dadurch bekam er es dann raus. Leugnen nutzte nichts mehr. Jetzt war er natürlich das arme Opfer, der betrogene Ehemann. Jetzt fühlte er sich noch mehr im Recht als ohnehin immer schon. Es gab einen klaren Bösen - und das war völlig ohne Zweifel und jetzt bewiesenermaßen sie.

In ihren ganzen Ehejahren waren sie nie in der Lage, sich vernünftig zu unterhalten. Das lag sicherlich auch an ihr. Ab einem gewissen Zeitpunkt fühlte sie sich nämlich als Opfer. Und zwar nur als Opfer. Sie war eine geschlagene Frau und schämte sich furchtbar. Vor allem vor sich selbst. Sie ließ kein Gespräch mehr zu und zog sich nur zurück. Er rannte gegen eine Wand und der unselige Kreislauf begann ein ums andere Mal. Und trotzdem glaubte sie, dass sie sich immer geliebt haben. Irgendwie. Aber sie wusste nun wirklich von was sie redet, wenn sie sagt, dass Liebe eben nicht alles ist. Es gehört noch mehr dazu. Vor allem Gemeinsamkeiten, die sie nie hatten. Und vor allem gegenseitige Respekt. Und es gibt eben Grenzen, die ein Paar nie überschreiten darf. Sie hatten alle Grenzen schon lange überschritten. Grenzen, von denen es schon lange kein Zurück mehr gab.

So lebten sie einige Monate. Es war wieder eine ganz furchtbare Zeit. Sie sagte den Kindern, dass sie bald ausziehen würden. Vor allem ihr Sohn war erleichtert. Er sagte mal zu ihr: „Mama, von mir aus können wir ruhig in eine 2-Zimmer-Wohnung ziehen. Hauptsache weg von hier“. Da war er 8.

Das mit den Bewerbungen in München klappte nicht. Eine Absage nach der anderen kam. Also gut, dann musste sie eben umdenken. Sie suchte eine Wohnung in Darmstadt, ihre alte Heimatstadt. Ein kleines Häuschen schaute sie sich auch mal an. Zuhause war Eiseskälte, sie schlief wie immer bei den Kindern, bzw. bei Anne. Und dann kam ein Moment, den sie wohl auch nie vergessen wird. Etwas völlig unerklärliches. Inzwischen „durfte“ sie nämlich unbehelligt an den PC oder auch an den TV. Die Lage hatte sich ja geklärt. Und so saß sie eines Tages am PC, er kam rein und beim Rausgehen küsste er sie. Sie weiß nicht mehr, wie das überhaupt passieren konnte. Sie war völlig verwirrt und verdattert. Was war das denn? Und dann war sie irgendwie verzaubert. Anders kann sie es nicht ausdrücken. Alles fing wieder von vorne an. Also, alles auf Start. Unfassbar genug.

Sie hatten nun wieder große Hoffnungen, obwohl es natürlich immer sehr schwer ist, wenn einer der Partner betrogen wurde und es raus kam. Eigentlich von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Schon während ihrer Trennungszeit hatte er die Vaterschaft von Anne angezweifelt (weil sie kurz vor der Zeugung auf Ibiza gewesen war) und sie machten einen Gen-Test für 3000 DM. Natürlich hatte sich rausgestellt, dass Johannes der Vater ist. Sie glaubt, dass er auch die Vaterschaft von Felix anzweifelt. Aber damals war sie absolut treu. Soll er halt noch mal so viel Geld bezahlen.

Sie gingen wieder zur Ehetherapie, diesmal bei einem Therapeutenpaar. Die arbeiteten sehr schnell heraus, dass ihr Problem die Unterschiedlichkeit sei, die verschiedenen Charaktereigenschaften und Alltagsbewältigungen. Die Therapeuten sahen das aber nicht chancenlos, denn Johannes und sie sollten sich jeweils als Ergänzung des anderen betrachten, besser gesagt darauf hinarbeiten. Jaja. Was sie von Anfang an bei dieser Therapie gestört hat, war die Tatsache, dass das Thema Gewalt, das für sie wie ein Damoklesschwert über allem schwebte und ihr so sehr wichtig war, eher eine untergeordnete Rolle spielte. Darauf wurde gar nicht richtig eingegangen. Nach einer Zeit bekamen sie dann „Hausaufgaben“. Und schon bei der ersten scheiterten sie. Sie weiß es noch wie heute. Sie sollten sich nach bestimmten Regeln unterhalten. Erst redet der eine 5 Minuten, dann der der andere. Man darf sich nicht gegenseitig ins Wort fallen oder unterbrechen. Man muss „Du-Sätze“ vermeiden („Du hast aber gesagt…“) und jeweils das Gesagte des anderen zunächst zusammenfassen, bevor man selbst anfängt u.s.w.

Sie saßen also da und versuchten es, aber es dauerte keine 10 Minuten und sie schrieen sich wieder nur noch an. Denn: kein einziges ihrer Probleme war ja gelöst, wenigstens umrissen oder klar erkennbar. Nicht eines. Sie haben dann keine neuen Therapie-Termine mehr vereinbart. Sicher, sie hätte anrufen können und sagen, hey, das war noch zu schwer für uns, soweit waren wir noch nicht, können Sie uns dazu noch ein paar Hilfestellungen geben? Aber sie tat es nicht, sie fing schon wieder an zu resignieren, hat ja doch keinen Sinn. Und er tat es auch nicht.

Wobei: das war sowieso immer alles ihr Job, weil er ja den ganzen Tag arbeitete (sie hatte inzwischen eine Halbtagsstelle in einer neuen Firma im Ort angenommen und war damit sehr glücklich). Schlimm war auch, dass sie ihm auch sämtliche sozialen Kontakte besorgen musste. Also: mit wem treffen wir uns am Wochenende? Was machen wir an Silvester, an Geburtstagen? Sie hatten ja nie einen richtigen Bekanntenkreis aufbauen können, da nach den ersten Treffen die Leute sich nicht mehr länger von ihm über den Mund fahren lassen wollten. Er setzte mich aber diesbezüglich immer unter Druck. Warum klappt das nicht? Warum kennen wir keine Leute? Natürlich kannten sie Leute und sie hätte sich jeden Tag mit jemand anderem verabreden können. Aber nicht mit ihm zusammen. Kaum waren mal Leute da, war er null komma nix betrunken und dann war er in seiner Rechthaberei nicht mehr zu halten. Sie trank bestimmt auch zu viel, das will sie gar nicht beschönigen, aber sie wird dann eher lustig. Also: auch bei diesem Thema konnte sie es ihm nicht recht machen.

Und dann das Thema Sex: Die ganzen Jahre zieht es sich als problematischer roter Faden durch die Beziehung. Wenn sie es mal geschafft hatten, zusammen zu schlafen, war es wirklich schön, keine Frage. Diesbezüglich verstanden sie sich wirklich gut. Wenn es denn mal dazu kam! Und das ist der Punkt. Denn es kam eher selten dazu, weil sie halt immer Krach hatten. Immer! Einige Male hatte sie die Zähne zusammengebissen, sozusagen, damit er endlich Ruhe gibt, aber das war sehr selten. Johannes bezeichnete sie daher ständig als asexuelles Wesen und noch schlimmer, was natürlich die Frequenz nicht erhöhte, eher im Gegenteil.

Natürlich eskalierte wieder alles, denn es war ja nichts gelöst, nicht mal ansatzweise. Den Münchner hatte sie inzwischen abgeschrieben, sie fuhr auch nicht mehr nach Ibiza. Es gab auch sonst keinen anderen mehr. Sie hatte zu Beginn dieses (des wie vielten eigentlich?) Neuanfangs zur Bedingung gemacht, dass sie nie mehr irgendeine Form von Gewalt erleben wolle. Daran konnte er sich nicht halten. Sie weiß nicht mehr im Einzelnen, was ihr alles angetan wurde, es war jedenfalls, was alleine das Thema Gewalt anbelangt, eine Menge. Und dann kam der Schlusspunkt (wieder Mal, haha).

Sie saß wieder Mal im Büro (es war also inzwischen wieder so, wie kurz vor der letzten Trennung), es knisterte auf der Treppe. Er kam rein. Sie kam nicht mehr raus, hatte keinen Fluchtweg mehr offen. An den Anlass kann sie sich nicht mehr erinnern. Sie wurde vom Stuhl gerissen, geschlagen. Sie lag auf dem Boden und blutete am Bein (das muss passiert sein, als er sie vom Stuhl schlug, die Narbe am Bein sieht man heute noch). Sie schrie laut um Hilfe. Die Kinder waren beide vor der Tür und riefen nach ihr, sie heulten. Anne machte die Tür auf, er schlug sie zu und traf sie damit am Kopf. Er schloss ab. In höchster Not schrie sie ihrem Sohn zu, er soll Hilfe beim Nachbarn holen. Die hätten das Geschreie sowieso hören müssen. Diesmal hatte sie zum ersten Mal richtige Todesangst, sonst hätte sie sich nie die Blöße gegeben, die Nachbarn zur Hilfe zu holen. Die zig-male vorher hatte sie es ja auch alleine durchgestanden. Sie wollte immer den Eindruck des Asozialen vermeiden. Sie doch nicht. Ist ja nicht wie bei den Leuten in der Gosse. Diesmal hatte sie nur Scheiß-Angst, nackte Angst, denn er war rasend, nicht mehr richtig bei Sinnen. Sie weiß nicht, was passiert wäre, wenn er ein Messer oder etwas Ähnliches gehabt hätte. Er war nicht mehr er selbst. Sie musste in Sekundenschnelle entscheiden. Sie wusste, was sie ihrem kleinen Sohn zumutete. Sie wusste, dass nun niemals mehr etwas so sein kann, wie es war. Sie wusste in diesem Moment, sollte sie hier heil raus kommen, dass sie anschließend sofort handeln muss. Alleine schon - und auch endlich! - der Kinder wegen.

Ihr tapferer Sohn nahm seine kleine Schwester an die Hand (sie hatte eine dicke Beule von der Begegnung mit der Tür an der Stirn, wie sie später erfuhr) und alarmierte den Nachbarn, der im Reihenhaus nebenan wohnte. Das bekam Johannes irgendwie mit. Der Nachbar war sofort da (es war ihm bestimmt sehr unangenehm), aber da war Johannes schon weg, im Wohnzimmer wahrscheinlich, und sie lag desolat und heulend im Büro. Es sollte wohl so aussehen, als ob nie was geschehen sei. Der Nachbar half ihr noch die umgekippten Möbel aufzurichten und nahm sie mit in sein Haus. Dort saßen ihre völlig verwirrten Kinder. Sie weiß noch, wie die Nachbarsfrau ihrer Anne eine Tiefkühl-Packung an die Stirn hielt. Jetzt erst sah sie, was ihr passiert war. Diese ganze Situation kam ihr nicht mehr real vor. Und dennoch fühlte sie vor allem eines: Scham! Sie schämte sich unendlich, unendlich. Und sie versuchte cool zu bleiben, irgendwie ihre Würde zu bewahren. Was sollte sie den Kindern sagen? Sie wusste es nicht. Wie sollte sie den Nachbarn diese unsägliche Situation erklären? Sie wusste es nicht. Nichts wusste sie mehr. Eigentlich wollte sie sofort weg laufen, aber wohin? Mit den Kindern? Fast hatte sie Angst, dass die Nachbarn die Polizei rufen. Sie überlegte kurz. Sie konnte nirgendwohin. So etwas wie Frauenhaus war für sie undenkbar. Sie ging also mit den Kindern wieder ins Haus. In ihr Haus, nein, in sein Haus. Er hat sich nicht mehr blicken lassen an diesem Abend.

Danach ging alles sehr schnell. Einen Monat später bezog sie mit den Kindern ihre neue Wohnung. Sie ist sich bis heute sicher, dass er diesen Vorfall, bei dem sie zum ersten und einzigen Mal im Leben Todesangst hatte, völlig anders sieht. Sie habe natürlich übertrieben. So war das nicht. Nie. Sowas könnte er nie machen. Alles ihre übertriebene Phantasie.
Aber, verdammt, genau so war es.
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Sie und die Kinder lebten also endlich frei und selbstbestimmt und vor allem – in Frieden. Für Felix war es ebenfalls eine Befreiung, war ihm doch eine Last von seinen kleinen Schultern genommen. Anne hatte größere Schwierigkeiten mit der neuen Situation. Sie bekam eine Art Waschzwang. Sie musste sich andauern waschen, baden, irgendwie sauber machen. Sie wollte nicht mehr auf der Straße laufen, weil sie (die Straße) „dreckig“ war. Sie wollte Schuhe nicht mehr anziehen, weil die Sohle „dreckig“ war. Alle paar Minuten ging sie ins Bad, um sich die Hände zu waschen. Es war schon irgendwie gespenstisch. Sie dachte anfangs: okay, das ist eine Reaktion auf den Umzug, auf die Trennung von ihrem Vater (den sie vorher täglich höchstens 20 Minuten sah), sie muss geduldig darauf eingehen. Das tat sie zunächst auch, aber es wurde nicht besser. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, wer weiß, was sie schon vorher „abbekommen“ hat, wer weiß, wie sehr sie tatsächlich diese Trennung belastet? Anne war schließlich erst 5. Sie wurde zunehmend hilfloser und setzte sich eine Frist von 4 Wochen. Danach wollte sie mit ihr zu einem Kinderpsychologen gehen.

Sie wurde aber auch zunehmend ungeduldiger mit ihr und weniger verständnisvoll. Und das sollte sich als der richtige Weg herausstellen. Wenn Anne wieder mal ins Bad wollte, um sich zu waschen, sagte sie irgendwann zu ihr: „Stell dich jetzt nicht so an. Deine Hände sind sauber. Du übertreibst!“. Sie wurde langsam sauer. Und je mehr sie protestierte – übrigens in Absprache mit Felix, der sich ebenfalls in dieser Richtung äußerte, desto mehr reduzierten sich Annes „Anfälle“. Irgendwann sagte sie zu ihrer Tochter: „Du ziehst verdammt noch mal diese Schuhe jetzt an und es ist mir völlig egal, wie dreckig die Sohle ist!“ (die ja in Wahrheit gar nicht dreckig war), und damit war es gut. Es hörte dann auf.

Ein halbes Jahr später kam sie dann Peter etwas näher. Sie „umgarnten“ sich schon seit einiger Zeit. Sie waren Kollegen, gingen fast täglich miteinander essen, nach Feierabend noch was trinken. Peter zog etwa zur gleichen Zeit wie sie zuhause aus und verließ Frau und zwei Kinder im Alter von ihren. Und wohnte inzwischen bei seiner neuen Freundin, Birgit. Schon Monate vorher hatten sie an vielen Wochenenden mit seinen und ihren Kindern zusammen etwas unternommen, weil seine Freundin an diesen Tagen immer ihrem Hobby nachging. Vom ersten Treffen an verstanden sie sich außergewöhnlich gut. Sie waren völlig offen miteinander, erzählten sich alles. Sie entdeckten viele Gemeinsamkeiten, sahen eigentlich alles ähnlich, egal was. Aber er war ja in einer Beziehung, Birgit. Er sagte, dass er sie wirklich liebe. Ja, es sei manchmal einiges sehr schwierig, aber er liebe sie und habe sich auf sie eingelassen. Dennoch hatte sie ihn irgendwie ständig in ihrem Kopf, sie war magisch angezogen. Musste sich andauernd sagen: vergiss es, er ist nicht frei und sagt es mir auch ständig. Aber sie konnte nicht vergessen. Sie war wohl noch nie derart von einem Mann angezogen, gegen alle Vernunft.

Dann kam der Abend auf ihrem Balkon. Sie weiß gar nicht mehr genau, wie sie ihn dahin bekommen hat. Irgendwann hielten sie Händchen, irgendwann saß sie auf seinem Schoß, irgendwann küssten sie sich. Aber das war auch alles (bis auf ein bisschen Anfassen, wie bei den Teenys). Sie wollte mehr, er wollte loyal sein und treu und schaffte das auch.

In dieser Woche traf sie sich mit Johannes. Sie waren bei (für sie ehemaligen) Nachbarn eingeladen (nicht die „Retter-Nachbarn“). Sie erzählte Johannes von Peter, dass er sie interessiere. Und plötzlich veränderte sich ihr (damals noch) Mann. Er bemühte sich richtig um sie. Er war freundlich und aufmerksam. Das hatte sie seit Anfang ihrer Ehe nicht mehr erlebt. So konnte er also doch sein. So, wie sie es sich eigentlich immer gewünscht hatte. Sie war wichtig. Ihre Meinung war wichtig. Sie war attraktiv! Plötzlich. Aber warum? Nur, weil sich ein anderer Mann für sie (scheinbar) interessierte (oder eher sie sich für ihn). Nur, weil er auf einmal merkte, dass sie sich vielleicht ernsthaft einem anderen Mann zuwendet? Das hatte sie zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht erkannt. Sie war verwirrt und auch irgendwie von ihm beeindruckt, weil er auf einmal so ganz anders war. Nett, charmant, besorgt, richtig um sie bemüht. An diesem Abend ist sie bei ihm geblieben. Am nächsten Tag war Felixs Abschlussfeier von der Grundschule. Sie hatten schon lange vorher vereinbart, dass sie zusammen da hingehen würden. Und wieder war ihr Mann ganz Gentleman, sie erkannte ihn nicht wieder, sie war regelrecht beeindruckt. So hätte es immer sein sollen. So hatte sie es sich immer gewünscht, es geht doch! Was ein bisschen Eifersucht doch alles bewirken kann. Aber, da war ja noch Peter in ihrem Hinterkopf.

In der Zwischenzeit ahnte Birgit was und kontrollierte Peters E-Mails, merkte, dass da irgendwas läuft und stellte ihn zur Rede, Birgit rief sogar sie an. Er sollte und musste sich entscheiden. Peter führte ein diesbezügliches Gespräch mit ihr in der Firma, auch unvergesslich. Er entschied sich für Birgit. Okay, sie hatte verloren. Da noch nicht richtig etwas lief, da dies noch ein ganz, ganz kleines Pflänzchen gewesen war, war sie natürlich schon etwas frustriert, verkraftete es aber doch recht gut. Zumal Peter bei diesem bewussten Gespräch fragte: „Oder glaubst Du wirklich, dass aus uns etwas werden könnte?“ und sie wahrheitsgemäß antwortete „Das weiß ich nicht.“ Nein, damals wusste sie das wirklich nicht. Heute weiß sie, dass er das allerbeste ist, was ihr in ihrem ganzen Leben passiert ist.

Sie fuhr dann mit ihren Kindern erst mal in den Urlaub.
Und, man ahnt es schon, danach ging es mit Johannes wieder los. Ja, so ist es, es gibt dafür einfach keine Entschuldigungen, keine echten Erklärungen.

Diesmal schien es wirklich, als ob er etwas kapiert hätte. Endlich! Da sie ja ihr eigenes Reich brauchen würde, ihren eigenen Freiraum – das hätte er nun eingesehen – wollte er für sie das Dach ausbauen. Dort könne sie fernsehen oder am PC sitzen und dann würde sie ihn nicht stören, wenn er ins Bett müsse, man hätte nicht mehr diese Reibungspunkte, die früher oft zum Krach geführt hätten. Sie glaubte fast, er meinte tatsächlich wirklich, was er sagte. Aber abgesehen davon, war natürlich immer vorgesehen, das Dach auszubauen. Sie machten sich also an den Dachausbau, nachdem sie irgendwann vorher feierlich beschlossen hatten, es WIEDER zusammen zu probieren.

Sie ging diesmal nicht ganz sooo blauäugig zurück. Vielmehr hat er dermaßen um sie geworben (diesmal), dass es sie wirklich nachhaltig beeindruckt hatte. Und etwas anderes, vorher noch nie da gewesenes, veranlasste sie dazu. Johannes ging es wirklich extrem schlecht, vor allem psychisch. Er erzählte ihr, dass er seit einiger Zeit so etwas wie einen Zwang zum Zählen habe. Also, er musste unentwegt zählen (1, 2, 3, 4 u.s.w.) Er saß ganze Abende nur im Dunkeln so rum, ohne Licht, ohne irgendeine Geräuschkulisse. Es ging ihm manchmal so schlecht, dass er zum Arzt musste und Infusionen bekam. Er nahm sehr ab, er sah wirklich sehr mitgenommen aus. Und plötzlich bekam sie so etwas wie ein riesiges Verantwortungsgefühl ihm gegenüber. Mein Gott, es geht ihm dermaßen schlecht, nur, weil ich ihn verlassen hab. Was hab ich diesem Mann angetan? Kann ich das für mein Leben verantworten? Nein. Eigentlich nicht. Damit kann ich nicht leben. Dachte sie. Und jetzt hat er sich doch wirklich geändert. Er hat endlich das Wesentliche verstanden und sieht endlich mich als Person, als eigenständigen Menschen. Dachte sie. Sie hatte tatsächlich das Gefühl, dass sie ihm das schuldig sei, dass sie notfalls halt Opfer bringen müsse. Notfalls sich opfern müsse. Aber sie hätte nicht verantworten können, dass er sich wegen ihr umbringt, was er mehr als einmal angekündigt hatte.
Außerdem plagten sie ernsthafte Zukunftsängste. Ihr Rentenanspruch ist ein Witz, sie hatte noch nicht mal die 15 Pflichtjahre voll. Kein Vermögen, kein Eigentum, kein Nichts. Mit ihm ist meine finanzielle Zukunft gesichert. Dachte sie. Er verdient sehr gut, eigenes Haus mit Garten. Zusammen könnten wir wirklich einiges noch zusätzlich schaffen. Dachte sie.

Sie willigte also ein, es NOCHMAL zusammen zu probieren. Es folgte wieder nur und ausschließlich Arbeit am Haus (Dachausbau). Es gab keine anderen Themen mehr. Jeden Samstag verbrachten sie wieder nur im Baumarkt, im Bauhof und verwandten Plätzen. Dies musste geputzt und geschliffen, jenes gestrichen werden. Inzwischen kündigte sie ihre Wohnung und meldete sich sogar um. Sie packte schon etliche Kisten und räumte sie zu Johannes. In ihrer Wohnung hing kein Bild mehr, die Regale waren leer und waren zum Teil schon bereits abgebaut.

Und gleichzeitig – ihr Peter! Nichts hatte sich eigentlich geändert. Nach wie vor gingen sie mittags zusammen essen und nach Feierabend einen trinken. Die gegenseitige Anziehungskraft war immer noch da. Sie teilte ihm mit, dass sie wieder mit Johannes zusammenziehe. Er sagte nichts dazu.

Inzwischen stellte sich zwischen Johannes und ihr aber immer mehr wieder der „alte Stil“ ein. Wie hätte es auch anders sein sollen? Das hieß: sie stritten sich eigentlich wieder nur noch. Alles war wie früher. Sie hatte null Freiheiten mehr, nur irgendwelche Pflichten. Sie hatten kaum noch Sex, da sie sich ja wieder nur stritten. Eigentlich war es wiederum ihr Sohn, der ihr die Augen öffnete. Er fragte sie eines Tages: „Sag mal Mama, warum ziehen wir eigentlich wieder zu Papa, wenn ihr euch genauso streitet, wie vorher?“ Ja, warum eigentlich? Sie konnte es vor ihrem Gewissen eigentlich nicht mehr richtig erklären und vertreten. Sie sah, dass sie offenen Auges in ihr Verderben rennt, und das freiwillig. Und wahrscheinlich hätte sie es dann nicht mehr so ohne weiteres rückgängig machen können.

Zu diesem Zeitpunkt waren Herbstferien, ihre bereits gekündigte Wohnung war an einen Makler zur Weitervermietung gegeben worden, aber aufgrund der Ferien hatte er noch keinen Interessenten. Es war ein Freitag und am Montag sollte wieder Schule sein. Für den Montag war eine Wohnungsbesichtigung avisiert und sie wusste, wenn jemand einen Mietvertrag für ihre Wohnung unterschreibt, ist es zu spät, ist alles besiegelt.

An diesem Freitag ging sie wieder mal mit Peter essen und da sie an diesem Tag in einem echten Gewissenskonflikt war, fällte sie eine Entscheidung. Sie saß mit Peter beim Essen und wollte eigentlich sooo gerne mit ihm zusammen sein (obwohl die Chancen wegen seiner Freundin ja gering waren und sie auch gar nicht davon sprachen). Aber wie kann sie dann guten Gewissens zu Johannes zurückgehen? Sie dachte doch einerseits permanent an einen anderen Mann und war gleichzeitig mit ihrem Mann wie immer am Nullpunkt. Denn sie hatte mit ihm bereits doch nur wieder nach kurzer Zeit – und das nach all den neuerlichen Höhenflügen, Versprechen und vermeintlichen Erkenntnissen, die nie wirklich welche waren - eigentlich nur wieder Ärger und Frust, wie die letzten Jahre auch. Das hieß: er hat also doch nix begriffen. Aber jetzt wurde es für sie ernst.

Also gut. Die Wohnung ihrer Vermieterin lag genau gegenüber dem Lokal, in dem Peter und sie essen waren. Nach dem sie aus dem Lokal rauskamen, stand sie einen Moment auf dem Bürgersteig und dachte, dass sie jetzt nun wirklich eine Entscheidung treffen müsse, die nicht zu revidieren ist. Sie ging zu der Wohnung ihrer Vermieterin und dachte, vielleicht ist sie ja gar nicht zu Hause, dann musst du neu nachdenken. Aber sie war da und machte auf. Sie kam sofort zu Sache und fragte sie, ob sie ihre Kündigung bitte zurückziehen könne. Die Vermieterin war einfach klasse. Sie nahm sie in den Arm und sagte: „Ach, Kind, natürlich“.

Damit war es besiegelt. Wie ihr eine Freundin schrieb, der sie alles berichtete, hatte sie Johannes gegenüber sozusagen auf dem Standesamt „nein“ gesagt.

Sie kann sich heute nicht mehr erinnern, wie sie diese Nachricht Johannes beigebracht hatte, wie er reagiert hat. Sie wird es wohl verdrängt haben. Sie weiß nur noch, wie er ihr vorwarf, dass er nun 10.000 Euro umsonst in den Dachausbau gesteckt habe. Stimmte ja aus seiner Sicht. Und wie sie versucht hatte, ihm zu erklären, dass er ihr nach wie vor und trotz aller Versprechen nicht das Mindestmaß an Respekt entgegenbringt und er überhaupt nicht wusste, von was sie eigentlich sprach. Sie hatte Telefonterror pur. Er fühlte sich völlig verarscht und aus seiner Sicht konnte sie das auch verstehen, dieser Mann wird wohl nie verstehen, von was sie spricht, was sie eigentlich meint. Um was es ihr geht. Vielleicht liegt das auch an ihr. Vielleicht konnte sie ihm dies alles nie verständlich machen.

Wirklich hart war es, den Kindern zu erklären, warum sie jetzt doch nicht zu Papa ziehen. „Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln.“ Die Kinder mussten wirklich einiges verkraften. Nur ihr Sohn fand das irgendwie logisch, alles andere wäre ja irgendwie unsinnig gewesen, das sagte er ihr.

Sie war also frei, Peter nicht. Und nun begann wirklich eine wiederum sehr quälende Zeit. Sie wollte ihn, sie merkte, dass sie sich wirklich ernsthaft in ihn verliebt hatte. Aber er tat sich sooo schwer. Er hatte sich wohl auch in sie verliebt, aber er wollte auch loyal zu seiner Freundin sein. Das ging über 6 Wochen so. Wenn sie in der Firma war, gingen sie mittags und abends weg, wenn sie frei hatte kam er mittags und abends zu ihr, immer nur für maximal eine Stunde. Sie litt furchtbar, konnte nichts mehr essen, nicht mehr schlafen. Ganze Nächte lag sie wach. Schon morgens beim Zähneputzen musste sie würgen. Ach, es waren einfach schreckliche Wochen. Er sagte ihr immer, dass er auf dem Weg zu ihr sei, aber dass er noch Zeit brauche. Jaja. Das kennt man. Und es kam, wie es kommen musste. Sie wusste immer, dass nicht er sich entscheiden würde, sondern entweder seine Freundin (wenn sie was merken würde und ihn wieder vor die Entscheidung stellt), oder sie. Und als sie nicht mehr konnte und soweit war ihm zu sagen, dass sie so nicht mehr weiter machen könne, hat seine Freundin einige SMS’ von ihr gelesen und es war raus. Sie stellte ihn also erneut vor die Entscheidung. Nicht er entschied sich, sondern er wurde gezwungen, sich zu entscheiden, er wurde also entschieden. Natürlich wäre es ihr wesentlich lieber gewesen, wenn er sich aus freien Stücken für sie entschieden hätte. Aber es kam halt anders. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis er bei ihr einzog.

Inzwischen sind über fünf Jahre vergangen. Johannes hatte zwischenzeitlich auch eine neue Frau kennen gelernt. Das so umsonst ausgebaute Dach ist nun das Zimmer für Felix und Anne, wenn sie bei ihm zu Besuch sind. Seine neue Freundin fand sie wirklich sehr nett, sie hoffte wirklich inständig, dass sie das Deckelchen ist, das sie nie sein konnte. Dass die neue Frau nie nur im Ansatz das erleben muss, was sie bei ihm und mit ihm erlebt hab, zumal er, wie sie sicher ist, nie richtig verstanden hat, was er ihr angetan hat und worunter sie so lange gelitten hatte. Aber diese Beziehung hielt leider nicht lange und Johannes war wieder lange alleine. Inzwischen ist wieder eine neue Frau bei ihm eingezogen. Sie wünscht den beiden alles Glück der Welt.

Sie hat Peter viel von ihren furchtbaren Ehejahren erzählt, wenn auch nicht alles, sonst wäre er nicht mehr zu halten gewesen und zu einer Art Racheengel geworden. Nein, natürlich nicht ernsthaft. Aber, aufgrund ihrer Erzählungen fiel es ihm anfangs schon schwer, Johannes gegenüber einigermaßen normal zu reagieren, wenn man sich mal zur Kinderübergabe oder ähnlichem sah. Peter ist ein wunderbarer Mensch, der feinfühligste und liebevollste, den sie kennt. Und sie ist sehr, sehr dankbar, dass sie einen solchen Menschen noch mal kennen und lieben lernen durfte.

Insofern genießt sie in vollen Zügen ihr Happy-End und wünscht es jedem anderen ebenfalls, auch und vor allem ihrem Ex-Mann, von dem sie vor Jahren geschieden wurde. Denn: jeder hat das Recht auf Glück!


Nachtrag

Ein Fazit? Wenn ich mir den Text so durchlese, kann ich nur den Kopf schütteln. Immer wieder. Mir kommen die Tränen – und ich schüttele den Kopf. Wie konnte ich das alles nur zehn Jahre mitmachen? Die Frage des „Mitmachens“ wird ja auch gerne anderen Frauen gestellt, die von einer ähnlichen Geschichte erzählen. Und dann wird immer gerne schnell gesagt: „Das hätte ich nie mitgemacht!“ Wirklich? Seid ihr sicher?

Für mich kann ich es nicht wirklich abschließend beantworten. Der Gedanke an die eigene Kindheit liegt natürlich nahe. Aber schon in sehr jungem Alter habe ich mich geweigert, alle vermeintlichen Fehlverhalten immer nur auf die Kindheit zu reduzieren. Dennoch, es muss ja eine Erklärung geben, weswegen ich mich so lange fremdbestimmen ließ, weswegen ich mir das alles (ich habe nur einen Bruchteil beschrieben) gefallen ließ. Und so kann ich rational betrachtet eigentlich nur auf meine Kindheit kommen. Obwohl mir genau das eigentlich gegen den Strich geht. Denn ich bin dennoch davon felsenfest überzeugt, dass man als erwachsener Mensch sein eigenes Leben selbst in der Hand hat. Nur man selbst kann für sich selbst entscheiden. Sonst niemand.

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwei Jahre und mein Bruder Torsten ein Jahr alt waren. Damals galt noch das Schuldprinzip, meine Mutter wurde also 1965 „schuldig“ geschieden. Mein Bruder blieb bei ihr, ich kam zu meinem Vater. Angeblich hat er darauf bestanden, mich „zu bekommen“. Ich konnte mit ihm darüber nie reden, da er bereits 1970 gestorben ist.

Nach der Scheidung gab mich mein Vater aber sofort bei seinen Eltern ab, er ging beruflich für zwei Jahre nach Indonesien, er arbeitete dort als Dipl-Ing. Warum wollte er mich also unbedingt haben? Um mich umgehend bei den Großeltern abzugeben? Die kümmerten sich ganz toll um mich. Ich bekam alles von ihnen. Zu meiner Mutter hatte ich keinen Kontakt. Jedenfalls kann ich mich an nichts erinnern. Und im Teenageralter habe ich mich gefragt, warum sie mich damals einfach so abgegeben hat. Als ich dann selbst ein Kind hatte, habe ich mich gefragt, wie in aller Welt man sein Kind opfern kann, einfach hergeben. Ist mir bis heute unverständlich. Aber auch meine Mutter konnte ich nicht mehr fragen, da sie vier Wochen nach meiner Heirat und gut ein Jahr vor der Geburt meines ersten Kindes gestorben ist. Und in den Jahren zuvor stellte ich keine konkreten Fragen diesbezüglich. Wir hatten andere Probleme.

Um weiter fortzufahren: Mein Vater kam aus Indonesien zurück, lernte eine Frau kennen und heiratete sie. Eine ganz liebe Frau, Irene. Sie bemühte sich sehr um mich. Ich war 5 oder 6. So wurde ich also wieder umgepflanzt und wohnte bei den beiden. Nach zwei Jahren war das Glück (es muss für die beiden ein großes gewesen sein) vorbei. Mein Vater starb mit 37 Jahren an Leukämie. Ich kam also wieder zurück zu meiner Oma. Nun meldete sich meine leibliche Mutter. Denn von Rechts wegen viel nach dem Tod meines Vaters das Sorgerecht auf sie. Meine Oma wehrte sich, es wurde ihr mit Klage gedroht und sie hätte wohl wenig Chancen gehabt, so lenkte sie schweren Herzens ein. Ich wurde so behutsam wie möglich darauf vorbereitet, zu einer mir unbekannten Frau, die mit einem mir unbekannten Mann und mit meinem mir unbekannten Bruder zusammenlebte, zu ziehen. Es gab wohl eine Art Vorbereitungsphase, in der ich mal für einen Tag, dann mal übers Wochenende u.s.w. dort zu Besuch war. Ich glaube, das dauerte fast ein Jahr. Mit acht Jahren zog ich also zu meiner Mutter.

Bis wenige Jahre vor ihrem Tod fanden wir nie den richtigen, den „normalen“ Kontakt zueinander. Ich nicht zu ihr und sie nicht zu mir. Ich fühlte mich nie richtig geliebt von ihr. Und sie liebte mich wahrscheinlich – ganz sicher sogar - auch nicht so, wie sie meinen Bruder liebte, der ja immer bei ihr war, zu dem sie eine ganz normale Mutter-Kind-Beziehung aufbauen konnte. Besonders in meiner Teenager-Zeit hatten wir die schlimmsten Kämpfe. Als ich 18 wurde, hat sie mich rausgeschmissen. Ich hatte das sicherlich sehr provoziert und war nicht unschuldig an dieser Entwicklung. Heute, rückblickend, kann ich sagen, dass ich wohl auch deshalb so opponiert hatte, weil ich mich ungeliebt gefühlt habe. Und dieses Gefühl hatte ich richtig eingeschätzt.

Es ist sehr schade, dass ich nie mit ihr darüber reden konnte. Auch die wenigen Verwandten und Freunde von ihr, die ich dazu noch befragen konnte, äußerten sich diesbezüglich sehr zurückhaltend, machten einige Andeutungen – sagten aber eigentlich nichts. Ich stehe mit meinen vielen Fragen alleine da und sie werden für immer unbeantwortet bleiben.

Ich kann also nur Schlüsse ziehen. Ich weiß noch, wie peinlich es mir als Kind war (wir lebten in einem Dorf), dass an unserer Tür drei Namen zu lesen waren. Den Namen meiner Mutter (sie hatte ein zweites Mal geheiratet, war aber wieder geschieden, trug aber diesen Namen noch), den Namen ihres Lebensgefährten und den Namen von meinem Bruder und mir. Drei Namen für eine „Familie“, das war doch nicht normal. Meine Schulkameradinnen sprachen mich – völlig unschuldig und nur fragend – darauf an. Ich kam mit acht, neun Jahren in Erklärungsnöte. Klar, heute wäre das kein Problem mehr. Damals, zumal in einem kleinen Ort, schon.

Dieser Lebensgefährte von ihr, Paul, ging dann auch irgendwann. Da war ich so 11, 12. Ich mochte ihn sehr. Er war 12 Jahre jünger als meine Mutter. Erst als ich erwachsen war, wurde mir das Gerücht zugetragen, dass diese Trennung auch irgendwas mit mir zu tun gehabt haben soll. Es konnte nie so richtig aufgeklärt werden.

An den Wochenenden (und auch in den Ferien) wurden wir immer zu den Omas gekarrt. Torsten zur Oma Peuser (der Mutter meiner Mutter) und ich zu „meiner“ Oma. Jeden Sonntag die gleiche Szenerie. Immer nach „Bonanza“ oder „Tarzan“ u.ä., der typischen Vorabend-Serie dieser Zeit, klingelte es und ich wurde abgeholt. Jedes Mal hing ich heulend an meiner Oma und wollte nicht gehen, aber ich wurde weggezerrt. Das war sowohl für meine Mutter als auch für meine Oma sicherlich sehr schlimm. Für mich auch. Diese Abhohl-Szenarien werde ich nie vergessen. Später erzählte mir meine Mutter, dass sie das nicht mehr lange mitgemacht hätte. Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte mich wieder „zurückgegeben“.

Wir hatten keine gute Zeit miteinander, meine Mutter und ich. Eigentlich nie. Alles stand irgendwie unter einem schlechten Stern. Ich habe ihr bis heute nicht verzeihen können, wie sie es fertig gebracht hat, mich als zweijähriges Mäuschen einfach herzugeben, mich zu opfern, damit sie aus dieser Ehe heraus kommt. Wie in aller Welt kann eine Mutter so was machen? Nie werde ich das verstehen können.

Sie heiratete ein paar Jahre nach der Trennung von Paul. Jürgen kam als unser Stiefvater in unser Leben. Ich war glücklich. Endlich gab es so was Ähnliches wie „normale“ Verhältnisse: Vater, Mutter, Kind(er). Doch es sollte sich als Trugschluss herausstellen. Ich will jetzt nicht en Detail auf meine wilde Teenagerzeit eingehen, das würde zu weit führen. Aber wir hatten die schlimmsten Kämpfe und immer, wenn sie sauer auf mich war, redete sie nichts mit mir, ignorierte mich, ich war quasi nicht existent. Oft tagelang. Nie werde ich das mit meinen Kindern machen, das habe ich mir geschworen!

Meine Mutter starb, als ich 28 war. Jürgen gab meinem Bruder und mir kurze Zeit nach ihrem Tod zu verstehen, dass er damals, als er und meine Mutter heirateten, nur die Frau wollte und uns Kinder billigend in Kauf nehmen musste. Er wollte uns schon damals nicht und nun, nachdem sie tot ist, wolle er sich eigentlich nur noch mit Menschen umgeben, mit denen er freiwillig Kontakt haben will. Also nicht unbedingt mit uns. Er hat es nicht so hart ausgedrückt, aber das war der Sinn dieser Aussage.

Für meinen Bruder und mich war das ein Messerstich ins Herz, wurde uns doch mit einem Wimpernschlag unsere Jugendzeit genommen, zumindest arg in Frage gestellt. Denn wir haben Jürgen geliebt, als unseren Stiefvater angenommen. Und im Nachhinein bekommen wir gesagt, dass wir ein Übel waren, das man in Kauf nehmen musste – und nun eben abschütteln will. Nicht mal ein Jahr nach ihrem Tod heiratete er erneut – und seine neue Frau sorgte aus rein finanziellem Interesse dafür, dass wir ganz schnell endgültig abgemeldet waren. Daran knabbere ich immer noch etwas…

Mein Bruder hatte zumindest immer die ungeteilte Liebe seiner Mutter. Mir wurde in diesem Moment bewusst, dass ich nichts hatte. Ich hatte offenbar nie etwas. Doch, natürlich die Liebe und Anerkennung meiner Oma, bei der ich ja aufwuchs und die 1987 starb. Sie gab alles für mich. Von ihr wurde ich geliebt. Und ich werde mir immer vorwerfen, dass ich das Zeit ihres Lebens nie richtig zu schätzen gewusst habe. Das tut mir schon seit Jahren unendlich Leid, aber ich war damals zu jung, zu dumm und zu unwissend. Vielleicht auch zu egoistisch. Sie, meine Oma, hat so viel für mich getan und mir so viel gegeben. Und ich habe es einfach so, wie selbstverständlich, genommen. Ich hoffe, dass ich sie auf einer anderen Ebene noch mal um Verzeihung bitten kann.

Ich wurde bereits als kleines Kind hin und her gereicht. Ich erlebte und erlitt, dass ich in meinen Kindheits- und Jugendjahren nicht geliebt wurde. Von der eigenen Mutter. Die, die mich liebten, starben oder ich wurde von ihnen weggerissen. Wahrscheinlich hinterlässt das doch irgendwie seine Spuren. Es muss so sein, sonst hätte ich diese schlimmen Ehejahre nicht für so lange Zeit zugelassen.

Ich war also Ende 20, als ich heiratete. Meine engsten Verwandten waren gestorben, im Nachhinein stellten sich weitere Härten heraus. Ich war ganz allein und musste alles selbst managen. Auch mit Kind und Kindern. Bald hatte ich keine engen Freunde mehr, ich konnte mich nirgends „ausweinen“, nirgendwo hinflüchten. Ich fühlte mich im wahrsten Sinne mutterseelenallein – und geradezu ausgeliefert.

Und deswegen habe ich das wohl alles mitgemacht, selbst über die Jahre. Ohne Rückhalt von irgendwem habe ich mich immer an die Hoffnung geklammert, dass sich alles noch bessern wird. Denn ich hatte außer dieser Hoffnung nichts. Diese Hoffnung war mein einziger Strohhalm.

Nach außen hin war ich natürlich immer die „Powerfrau“, selbstbewusst und emanzipiert. So wirkte ich damals schon, so wirke ich bis heute. So bin ich ja eigentlich auch. Aber eine Powerfrau lässt sich so was natürlich nie bieten. Und deshalb hab ich mich selten getraut, mich diesbezüglich anderen zu öffnen. Und wenn ich das mal getan habe, dann war das Gegenüber sehr befremdet und zog sich im Zweifel zurück. Daraus lernt man natürlich auch, sagt und erzählt dann halt nichts mehr.

So habe ich zehn Jahre meines Lebens, von 28 bis 38, vergeudet und in der Hölle – auch in der inneren Hölle – gelebt.

Das einzig Gute aus dieser Zeit sind meine Kinder, die ein wahres Geschenk sind. Sie sind absolut gelungen, lieb, fröhlich, freundlich und intelligent. Ich habe auch das Gefühl, dass mein Sohn, der so viel Schreckliches als Kleinkind unfreiwillig mit ansehen musste, das gut verarbeitet hat. Ich glaube, er erinnert sich heute nicht mehr daran. Aber wer weiß, was in so kleinen Seelen und Herzen alles tief vergraben ist… Aber hier gibt es zu mir einen entscheidenden Unterschied: meine Kinder wurden immer sehr, sehr geliebt. Daran wird sich nie etwas ändern. Und das wissen sie, darauf können sie immer vertrauen.

Und ich? Ich habe Jahre gebraucht, das alles zu verdauen, aber es ist mir inzwischen gelungen. Ich habe nie eine Therapie gemacht, vielleicht ist das Schreiben meine Art von Therapie. Ich bin mir sogar diesbezüglich ganz sicher. Vor allem aber war und bin ich immer ein sehr positiver und lebensbejahender Mensch. Das hat mir zeit meines Lebens immer geholfen – dies wird mir auch bei eventuell weiteren Krisen helfen. Ich bin sehr stark, das weiß ich, und das kann ich an meine Kinder weiter geben. Manchmal habe ich Momente, in denen ich mich ein wenig in Selbstmitleid ergehe, das kommt aber selten vor. Und solche Momente werden auch andere Menschen dann und wann mal haben.

Und mit meiner „neuen“ Beziehung, die nun schon über fünf Jahre währt, bin ich sehr glücklich. Er hat viele Tränen getrocknet und zeigt mir jeden Tag, dass es auch für mich möglich ist, glücklich zu sein. Zehn Jahre habe ich das vergebens eingefordert und zum Schluss nicht mehr daran geglaubt. Immer habe ich mir gesagt: „Jeder Mensch hat das Recht auf Glück“. Jetzt, endlich, habe ich es.

Ende gut – alles gut!

(ton, 11/07)


Scheidung